GELENKSSCHMERZ
chronischer Gelenksschmerz

17. Gelenke
      17.1 Gelenksschmerz
            17.1.1 Arthrose
            17.1.2 Arthritis

Der Begriff "Gelen kschmerz", also nur mit einem s, wird sehr viel häufiger verwendet. Diese Web-Site ist denjenigen gewidmet, die diese Schmerzart mit 2s schreiben und so auch in die Suchmaschinen eingeben.

Ein Gelenksschmerz kann prinzipiell von jeder Struktur im Gelen k ausgehen.

In der ärztlichen Praxis wird man mit einem Gelenksschmerz sehr häufig konfrontiert. In vielen Fällen kann dieser trotz sorgfältiger Schmerzanamnese (= Erhebung der Vorgeschichte), Untersuchung und zusätzlicher Diagnostik (z.B. Röntgenaufnahme, Gelenkspiegelung) nicht klar einem Krankheitsbild zugeordnet werden.

 

Verbleibt ein Sch merz trotz einer adäquaten, kausalen (= auf die Ursache gerichteten) fachärztlichen Behandlung, so sind schmerztherapeutische Behandlungsmethoden gefragt, die oft bei verschiedenen Grundkrankheiten die gleichen sind, da sie sich nunmehr nach den Sch merzen und ihrer Ausdehnung und nicht mehr vorrangig nach der Ursache richten.

1) Gelenksschmerz, der auf eine Eigenerkrankung des betroffenen Gelen k s zurückzuführen ist

Hier wäre an erster Stelle die Arthrose zu nennen, eine vorwiegend degenerative (= abnutzungsbedingte) Gelenkerkrankung, die (mit großen Schwankungen) erst mit zunehmendem Alter auftritt. Das Risiko, eine Arthrose zu bekommen, ist sehr hoch, vor allem im Alter. Bei über 70-jährigen Menschen ist bereits zu 80% eine Arthrose vorhanden, während nur 4% der 20-jährigen eine Arthrose haben, Frauen sind häufiger betroffen.
Bei der sog. Arthrosis def ormans (Ar thropathia defor mans) bestehen chronische, schmerzhafte, zunehmend funktionsbehindernde
Gelenkveränderungen infolge eines Mißverhältnisses von Tragfähigkeit und Belastungen. Betroffen sind vor allem Hüftgelenk und Kniegelenk.
Die Ausbildung einer
Arthrose und der damit verbundene Gelenksschmerz kann durch mehrere Faktoren begünstigt werden. So z.B. Überlastungen (Kniegelenk e beim Fliesenleger), Vorschädigungen infolge eines Unfalls oder auch eigenständige Gelenksentzündungen (Arthritis).

Eine weitere häufige Ursache für einen Gelen ksschmerz ist eine Gelenksentzündung, vom Mediziner als Art hritis bezeichnet. Eine ausführliche Darstellung dieser Schmerzursache finden Sie hier (einfach anklicken). Die Arthri tis als Systemerkrankung (z.B. Oligoarthritis, Po lyarthritis) im Gegensatz zur Monoarthritis wird weiter unten beschrieben.

Ein Gelenksschmerz ist häufig auch unfallbedingt, im Vordergrund stehen dabei Prellungen. 
Relativ häufig sind
Sch merzen im Knie nach Sportverletzungen, meist infolge einer Schädigung der Gelen
kzwischenscheibe (Meniskus). 
Sch merzen in der Schulter können durch Verrenkung bzw. Ausrenkung entstehen. 

Eher selten können auch Tumore zu einem Gelenksschmerz führen, meist gehen diese von der Innenhaut der Gelenkkapsel (Membrana synovialis) oder von der Gelenkkapsel selbst aus. 
An gutartigen Tumoren kommen vor: 

Bösartig ist das maligne Synovialom.
 

2) Gelenkentzündung (Arthri tis) infolge einer Systemerkrankung 

Meist sind dabei mehrere Gelenke betroffen. In dieser Gruppe dürften rheumatische bzw. rheumatoide (= rheumaähnliche) Ursachen dominieren. 
Bei der primär chronischen Polyarthritis (PcP), auch rheumatoide Arthritis oder Polyarthritis rheumatica genannt, handelt es sich um eine chronische, unterschiedlich fortschreitend verlaufende, entzündliche, destruierende
(= mit Zerstörung einhergehenden) Gelenkserkrankung mit Beteiligung aller
Gelen k strukturen. Es besteht eine Tendenz zur Bewegungseinschränkung bis zur Ankylosierung (= vollständige Gelen ksteife), aber auch zum Stabilitätsverlust der Gelenke, Beteiligung von Sehnenscheiden (Tendosynovitis) und Sehnen mit entsprechenden Folgezuständen. Vor allem in Gelenknähe kommt es zu Bildung von Rheuma knoten unter der Haut. Typisch sind auch Muskel atrophien (= Verringerung der Muskel masse), vor allem im Bereich des Hand rücken s und der Oberschenkel
Es können auch Arterien befallen werden, die dann ebenfalls entzündlich reagieren (Vaskulitis). Selten sind auch Herz, Lungen und Augen beteiligt. 
Auch Stoffwechselerkrankungen können zu einer Arthri t
is und damit zu einem Gelen ksschmerz führen. Zu nennen wäre hier die Harnsäuregicht (Arthritis urica). Davon sind hauptsächlich Groß zehen grund gelenke Mittelfuß und Sprunggelenk e betroffen. 
Im Jugendalter kann ein
Gelen ksschmerz im Rahmen einer systemischen juvenilen chronischen Arthritis (Still Syndrom) auftreten, eine meist symmetrisch verteilte Polyarthritis (= En tzündung in mehreren Gelen ken). Begleitende Krankheitszeichen sind Fieber, Milz- und Lebervergrößerung sowie Lymphknotenschwellungen. 
Auch die Schuppenflechte (Psoriasis) kann zu einem
Gelen ksschmerz führen. Bei der Psoriasis-Arthritis (Schuppenflechtenartthritis) handelt es sich um eine fortschreitende, gelenkzerstörende Erkrankung, bevorzugt an Händen und Füßen.
Bei oder nach Infektionskrankheiten (z.B. Masern, Mumps, Röteln, Windpocken) kann es ebenfalls zu einem
Gelenksschmerz kommen, sog. parainfektiöse reaktive Arthritiden.

Behandlung
Grundsätzlich gilt, daß durch eine geeignete Diagnostik
(= Maßnahmen zur Erkennung von Kran
kheiten) versucht werden muß, eine für den Gelenksschmerz ursächliche, spezifische Erkrankung zu entdecken. Gelingt dies, so muß diese zunächst kausal (= entsprechend dem Krankheitsbild) behandelt werden. 
Ist
der Gelenksschmerz z. B. Folge eines bereits weitgehend zerstörten Gelenkes, so kommt eigentlich nur die operative Einpflanzung einer sog. Endoprothese in Frage. 
Bei einem rheuma
tisch bedingten Gelenksschmerz überläßt der Schmerztherapeut die medikamentös/ systemische Grundbehandlung dem erfahrenen Rheumatologen. Verbleibt nach einer krankheitsspezifischen Behandlung dennoch ein Gelenksschmerz, so eignen sich zur Behandlung folgende Maßnahmen, wobei Dauerschmerzen praktisch immer eine Kombination von verschiedenen Therapieverfahren erfordern.

Medikamentöse Schmerzbehandlung:
Akut (= plötzlich einsetzend, heftig) und subakut (= eher schleichend verlaufend) können zunächst (vorwiegend) peripher wirkende Analgetika (= Schmerzmittel, die am Ort der Schmerzentstehung wirken) eingesetzt werden, insbesondere sog. nicht steroidale Anti rheuma tika (= Rheumamittel), aus dieser Gruppe möglichst langwirkende und magenschonende wie z.B. Mobec®). Besonders magenschonend und auch entzündungshemmend sind die sog. COX-2 Inhibitoren, z.B. Parecoxib (Dynastat®) oder Etoricoxib (Arcoxia®), allerdings scheint diese Stoffgruppe mit einem Herz-/Kreislauf-Risiko verbunden zu sein, zumindest bei längerer Therapiedauer. Es bleibt abzuwarten, ob Parecoxib und Etoricoxib nicht auch noch vom Markt genommen werden, wie schon andere Mittel dieser Stoffgruppe zuvor.
Nach einer im Journal of the American Medical Association (JAMA) veröffentlichten Studie über Schmerzmittel soll das auch bei einem Gelenksschmerz häufig verschriebene Mittel Diclofenac das Risiko eines Herzinfarkts um 40 Prozent erhöhen. (Quelle)
Bei stärkeren schmerzhaften
Muskel verspannungen können darüber hinaus auch Muskel relaxanzien (= Mittel zur Muskelentspannung) (z.B. Norflex®, Mydocalm®) verordnet werden. 
Manchmal ist aber ein Gelenksschmerz nur mit zentralwirkenden Analgetika (z.B. Tramadol, Valoron N®)
(= im Gehirn bzw.
Rücken mark wirkende Schmerzmittel) beherrschbar. 
Grundsätzlich sollte aber auch bei einem
Gelenksschmerz eine längerfristige Schmerzmittel verordnung wegen der Gefahr der Gewöhnung oder gar Abhängigkeit vermieden werden. 
Die Kombination mit schmerzdistanzierenden Antidepressiva
(= Mittel gegen Depression, u.a. aber auch bei einem chronischen Gelenksschmerz wirksam) (z.B. Doxepin, Maprotilin) hilft in vielen Fällen Schmerzmittel einzusparen.

Therapeutische Lokalanästhesie (= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel bzw. Lokalanästhetika):
Bei einem anhaltenden, chronischen Gelen ksschmerz sollten rechtzeitig alternative Methoden eingesetzt werden. Eine sehr wirksame Alternative, ohne jedes Gewöhnungs- oder Suchtpotential, ist die therapeutische Lokalanästhesie mit einem langwirkenden örtlichen Betäubungsmittel (z.B. Bupivacain) in Form von örtlichen Betäubungen und Nervenblockaden. Dabei werden die schmerzhaften Gelenke wiederholt (stationär bei uns zwei mal täglich) großzügig perikapsulär (= um die Gelenkkapsel herum) infiltriert. 
Schmerzhafte
Gelen k e können auch mit "Zeel" umspritzt werden, was manchen Patienten mit "homöopathischer" Grundeinstellung sehr entgegen kommt. 
Als nächst höhere Therapiestufe kommen wiederholte
Nerven - bzw. Leitungsblockaden in Frage, in hartnäckigen Fällen auch kontinuierlich mit Katheter*.

Ner ven und

 

 

 

 

 

Nervengeflechte:

           zugehörige Gelen ke:

 

Plexus brachialis:

Ellenbogen, Hand - und Fingergelenk e,

 

 

mit der retrograd hohen Variante kann

 

 

auch das Schultergelenk erreicht werden

Plexus lumbalis (mittels

 

 

 

N. femoralis-Katheter:

Hüftgelenk

 

 

 

N. femoralis:

Kniegelenk

 

 

 

N. ischiadicus:

Fußgelenk e

 

 

Grundsätzlich wird das Lokalanästhetikum (= örtliche Betäubungsmittel) jeweils so verdünnt verabreicht, daß nur die Sensibilität (= u.a. Schmerzempfindung) betroffen ist, die Motorik (= Muskelfunktion) aber erhalten bleibt und damit begleitend intensive, gelenkfunktionserhaltende sowie funktionsfördernde krankengymnastische Übungsbehandlungen möglich sind, bzw. bei einem stärkeren Sch merz durch Hemmung der Nozizeption (= Schmerzreizleitung) erst möglich werden. Diese Nervenblockaden haben darüber hinaus einen sehr günstigen Nebeneffekt. 
Durch die gleichzeitige Blockade vegetativer Nervenfaseranteile kommt es im korrespondierenden Gewebebereich zu einer sehr deutlichen Mehrdurchblutung, die jedem entzündlich/ degenerativen Prozeß nachhaltig entgegenwirkt. In diesem Sinne ist diese Behandlung nicht nur symptomatisch
(= nicht nur auf den Sch
merz gerichtet), sondern bei einem entzündlich bedingten Gelen ksschmerz sogar kurativ (= heilend).

*   Bei der sog. kontinuierlichen Blockade mit Katheter wird der dünne Kunststoffschlauch dicht an Nervengeflechte bzw. den betroffenen Ner ven eingepflanzt. Die Einpflanzung erfolgt durch eine handelsübliche Kanüle hindurch, es muß also nicht „aufgeschnitten“ werden. In der Folge wird über diesen Katheter mehrmals täglich, jeweils nach Abklingen der vorangegangenen Dosis, das örtliche Betäubungsmittel völlig schmerzlos nachgespritzt. In bestimmten Fällen kann zur Verabreichung des örtlichen Betäubungsmittel durch den Katheter hindurch auch eine kleine Pumpe angeschlossen werden. Nach neueren Erkenntnissen vermag eine solche, intensive, längerfristige Blockadebehandlung auch das sog. Sch merz gedächtnis zu löschen.  

Physikalische Therapie
Auch eine Elektrostimulation kann bei einem chronischen
Gelen ksschmerz eine Beschwerdelinderung herbeiführen. Die transkutane Nervenstimulation mit Niederfrequenzgenerator (TENS) hat den Vorteil, daß sich die Patienten bei Bedarf selbst behandeln können. Die Elektroden werden paarig über dem betroffenen Gelen k aufgeklebt. Durch Veränderung der Stimulationsfrequenz und der Elektrodengröße kann die Wirkung optimiert werden. 
Eine weitere physikalische Behandlungsmöglichkeit ist die oberflächliche Kältetherapie im Sch
merz bereich. Wir verwenden einen elektrischen Kaltluftgenerator, dessen Luftstrom auf ca. -10 bis -15 Grad C abgekühlt ist. Auch eine sog. Hochtontherapie kann sehr hilfreich sein.
Manche Patienten empfinden allerdings lokale Wärmeapplikationen (Rotlicht) als besser wirksam. Warme Bäder können ebenfalls Gelenksch merzen lindern. Auch die
Magnetfeldtherapie (pulsierende Signaltherapie) kann zu einer Schmerzlinderung führen.
Die Verordnung von Massagen ist auch bei einem
Gelen ksschmerz
nicht sinnvoll. Für den Patient mag diese Behandlung zwar angenehm sein, aber unter sch merz therapeutischem Aspekt bringt sie nichts und führt nur zu unnötigen Kosten. Nahezu unverzichtbar ist bei Gelen ksschmerz aber die heilgymnastische Therapie, da meist nur diese geeignet ist, Gelenkfunktionen zu fördern bzw. zu erhalten.

Andere Therapiemaßnahmen
Der Vollständigkeit halber darf die Akupunktur (Schmerzakupunktur) nicht unerwähnt bleiben. 
Hypnoide
(= bewußtseinsverändernde) Verfahren wie autogenes Training oder progressive Relaxation nach Jakobson sind im Rahmen einer psychologischen Mitbetreuung eine sinnvolle Ergänzung der Gesamtstrategie. Bei einem anhaltenden Gelen ksschmerz ist auch ein Schmerzbewältigungstraining sinnvoll.

Wenn Sch merzen längerfristig bestehen, so ist davon auszugehen, daß bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist eine rein somatische (= körperliche) Behandlung kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen.

Aktualisiert: 10.09.2006 k u
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  update, aktualisiert >15.09.2006</> k u http://www.gelenksschmerz.de